Bound to...
Über Shibari, Macht, Hingabe und die fragile Grenze zwischen Transzendierung und Reinszenierung
Triggerwarnung! Dieses Essay thematisiert Macht und Ohnmachtsdynamiken - auch im sexuellen Kontext. Bitte achte auf Dich und lese nur, wenn Du Dich stabil genug fühlst. Wenn Du aber magst, folge mir in mein Denken, wenn ich das Thema drehe und wende und aufschnüre wie ein kleines Geschenk.
Wie beginnt man einen Essay über diese fragile Grenze zwischen Hingabe, Macht, Kunst und Sexualität? Witze sind zu platt. Künstlerische Überhöhung zu unkritisch.
Also: ein Bild.
Eine Frau – fast immer eine Frau - schwebt. Hängt. Ihr Körper gehalten durch Knoten. Symmetrisch teilt ein Seil die Oberfläche in geometrische Abschnitte, formt und betont Strukturen. Der Körper wird Skulptur. Der Blick wandert: Schultern, Knie, Hüften – präsentiert wie Juwelen in einer Fassung aus Hanf – weich und starr zugleich. Atem presst Haut gegen Knoten.
Die Szene ist voller Spannung und zugleich ruhend in sich, genügsam. Ein Mehr an Intensität ist kaum möglich. Shibari – so der japanische Name für diese kunstvolle Knoterei – ist eine Kunstform. Wie Kalligrafie lebt sie von Konzentration, Reduktion und dem Versuch das letztlich Essenzielle ihres Objekts wiederzugeben und zu transzendieren. Wie andere Kunstformen auch, kann Shibari faszinieren, präzisieren oder auch verstören. Im Seil ästhetisiert der Künstler das Spiel mit Form, Vertrauen und kontrolliertem Ausdruck.
Fehlt da nicht etwas? Nanana...
Kann man das so sagen? Springt einem der Sex nicht sofort ins Auge? Und was sagt das über den Betrachtenden, wenn Erotik sofort mitschwingt?
Manchmal ist eine Banane doch auch nur eine Banane
Ein Seil ist letztlich nur ein Seil. Nicht jede Berührung ist sexuell konnotiert. Ein Körper in seiner Nacktheit ist nicht automatisch sexuelles Objekt. Gibt es einen bestimmten Moment in dem die Ästhetik ins Sexuelle kippt? Ich vermute ja: In dem Moment, in welchem die Dimension der asymmetrischen Kontrolle auftaucht, gerät die Situation in eine neue Art der Spannung. Sobald wir nicht Körper, Struktur und Seil sehen, sondern ein Subjekt und ein Objekt - einen der macht und betrachtet, einen der sich fügt - fügen wir der Ästhetik des Moments polarisierendes Denken hinzu: Macht und Ohnmacht, Handeln und Erdulden, Verantwortung und Hingabe. Jetzt ist es nicht mehr nur Kunst – jetzt wird das Spiel im Dreieck zwischen Körper, Seil und Betrachtendem zum Balanceakt. Immer in der Gefahr auf einer Seite zu kippen… immer in der Gefahr, dass es sich dreht.
Nur wohin? Lass uns kreiseln…
Einen Scheiß muss ich! Hingabe als paradoxes Erleben
Für denjenigen, der sich den Knoten übergibt, wird der Akt zur Inszenierung des Kontrollverlusts. Für viele ist dieser Begriff mit Angst besetzt. Schließlich versuchen wir doch im Alltag nichts mehr, als die Kontrolle zu behalten. Wir wollen nicht aus dem Rahmen fallen, machen unsere Steuererklärung, bremsen in der 30er Zone, funktionieren, optimieren und steuern, was immer geht. So viel, dass die Sehnsucht danach, endlich mal nichts zu müssen, manchmal übergroß wird. In diese Überlastung und Überforderung kommt das Seil und mit ihm das Versprechen:
Du musst gar nichts.
Du musst nichts tun.
Du musst nichts denken.
Du musst nichts planen.
Gib Dich hin, lass Dich fallen, schließ die Augen.
Du darfst einfach atmen.
Du darfst einfach sein.
Das Paradox
In diesem Aufgeben des Könnens, Wollens und Sollens liegt womöglich die größte Befreiung: die Erfahrung des wirklich bedingungslosen Gehaltenseins. Das Seil wird zu meinem Exoskelett, wie ein Panzer, der meine Einzelteile trägt und zusammenhält. Ich darf vergessen was ich noch tun sollte und nur in diesem Moment sein. Ich kann ja ohnehin nichts anderes tun: Vergiss den Mental Load, vergiss das Büro! Niemand darf jetzt etwas fordern. Ich könnte ja nicht mal, wenn ich wollte! Spätestens jetzt ist deutlich, dass an diesem Punkt der Zwang zu Verantwortungsübernahme und Leistung vorüber ist. Das Ende des Höher, Schneller, Weiter ist da - im Hanf auf der Haut. Das Seil fixiert mich - nicht nur wörtlich sondern auch im Hier und Jetzt. Ich bin sicher und gehalten, auch dann, wenn ich mich selbst nicht halten kann, wenn ich anderenfalls zerbröseln würde unter der Last des Alltags. An diesem Punkt fühlt Ohnmacht sich an wie das Geschenk ultimativer Sicherheit.
to lose myself and find my soul (Muir)- Selbstaufgabe als mystisches Motiv
Ganz ähnliche Erfahrungen finden sich auch in völlig anderen Kontexten. Hier wird es fast archetypisch: Das Motiv der Selbstauflösung, der Öffnung und Aufgabe des eigenen Egos finden wir in der Regel heute entweder bei Selbstfindungsgurus, Naturspiritualisten oder in sehr alten Texten aus mystischen Traditionen. Mystiker:innen aller Religionen suchen religiöses Erleben auch im Aufgeben von Kontrolle. Derwische tanzen, Yogis atmen nur um die Kontrolle über ihr Selbst an eine Instanz außerhalb des eigenen Bewusstseins zu übergeben. Um an diesem Punkt größer zu werden als sie es sein könnten, blieben sie Herr im eigenen Seelenhaus. Die einen versuchen es mit Askese, durch Ekstase die anderen - aber immer vereint in dem Punkt, in dem das Ego nicht mehr das bestimmende Paradigma ist. Das Selbst wird überwunden und transzendiert. In der Leerung der menschlichen Hülle von Begehren und Bedürfnissen - da ist sich Teresa von Avila einig mit klassischem Zen Buddhismus – liegt ein möglicher Übergang in eine tiefgreifende und öffnende Erlösungserfahrung. Wer in Zen Tradition meditiert, kennt vielleicht diese letzte Schwelle: Die Angst, sich selbst zu verlieren, sich komplett aufzulösen und den Weg zurück in „Normalität“ nie wieder zu finden - als letzte Stufe also endgültig den Verstand zu verlieren. Diese letzte Überwindung der Identitätsängste, das Loslassen des irdischen Müssens, das Ende der Anhaftungen birgt sanft und unfassbar beängstigend zugleich die Möglichkeit einer Gotteserfahrung, der All-Einheit, der ultimativen Verbundenheit des Seins. Auch durch Kontrollverlust erreichen Menschen die Erfahrung eines Etwas, das über sie hinausweist, dass das Stückwerk und die Beschränkungen des Lebens übersteigt und eint zugleich.
Ist das Spiel mit Seil und Knoten also profanisierte Gottsuche?
Ein Aspekt ja - aber einseitige Verklärung ist leider auch nicht angebracht. Drehen wir uns einen Schritt weiter.
Von der erotischen Anziehung des immer anderen
Wer in paartherapeutischen Bezügen unterwegs ist oder schlicht einfach nur selbst in einer langjährigen Beziehung, der kennt vermutlich die zugrundeliegende Frage: Wie kann es gelingen, Begehren und Lust in oder trotz aller Intimität und der Vertrautheit mit dem anderen zu bewahren. Esther Perel stellte diese Frage in ihrem Bestseller „Mating in Captivity“ und auch Foucault thematisiert die Untrennbarkeit von Sexualität und Macht. Strukturen der Unterscheidung, der Distanz und eben des “nicht alles vom anderen kennen”, nicht verschmolzen zu sein, sind also das Salz in der Suppe der langjährigen, eingeschlafenen Beziehung. Anziehung ist aber nur dort möglich, wo eine gewisse Distanz zwischen den einzelnen Elementen besteht. Ich kann mich nicht mit jemandem verbinden wollen, mit dem ich Zahnbürste und Munddusche teile und dem ich so verwachsen bin, dass ich all die Körpergeräusche und -gerüche des einstmals anderen erst bemerke, wenn sie mal fehlen. Dann bin ich verschmolzen - es gibt nicht mehr „Dich“ und „mich“ sondern nur noch „uns“ das Paar, das schon alles von einander weiß. Kein Prickeln, keine Neugier, keine Sehnsucht mehr etwas zu erfahren oder zu erobern. Um aber Anziehung zu spüren, braucht es diesen einen Rest an Mysterium.
Ein Geheimnis, das erobert werden will, entdeckt, neu gesehen, gespürt, besessen. Mein Sehnen kann sich nur auf etwas richten, das ich noch nicht mein eigen nenne. Ja, gegenseitige Fellpflege und Skincare ist bindungsförderlich, klar, aber es ist verdammt noch mal nicht sexy wenn Dein Partner während des Aktes meint: „Du, Deine Haut fühlt sich grad so trocken an und da sind schon so Schüppchen - Lotion?“ Erotisch intelligentes Handeln versucht bei aller emotionaler Intimität die Distanz als spielerisches Element wieder einzuführen und das allzu Vertraute für eine Zeit außen vor zu lassen. Das geht auf unterschiedliche Arten und Weisen. Und ein Seil kann zu einem reizend prickelnden Element der Distanzierung werden. Es schafft Distanz, neue Betrachtungswinkel, und ja auch Hierarchie und damit - Anziehung.
Also nichts wie los? Bindet euch?!
Die ästhetische Ruhe, die spirituelle Verlockung, das Begehren – all das ist nicht die ganze Wahrheit. Schneller als gedacht können all diese Elemente in eine eher düstere Verstrickung führen. Und schneller als geplant holt vielleicht eine Erinnerung das Spiel ein und überschattet, was konsensuell verabredet und erhofft war.
Viele Menschen tragen in ihrem Nervensystem Spuren früherer, nicht gelungener Bindungserfahrungen: Muster von Kontrolle, Ohnmacht oder Fürsorge, die sich wie Furchen einbrennen. Sie haben früh gelernt, dass Bindung zugleich Schmerz, Verzicht, Unfreiheit, Unsicherheit bedeutet. Wenn intime Praktiken diese Erfahrung wieder bestätigen, dienen sie nicht der Heilung und Öffnung, sondern der Reinszenierung ungesunder Mechanismen. Die entscheidende Frage ist dann nicht nur, ob jemand einem Seiltanz zustimmt, sondern ob das Zustimmen tatsächlich aus freier Wahl entspringt oder aus habitueller Gewohnheit. Zustimmung kann erlernter Automatismus sein - ein „So kenne ich mich, so hat sich Liebe schon immer angefühlt!“ statt ein „So will ich mich wirklich erleben“.
Neurobiologisch hat das Konsequenzen
Hormone wie Oxytocin verstärken in Momenten körperlicher Nähe das Gefühl von Verbundenheit. Sie signalisieren Sicherheit und Bindung, binden eben aber auch an vertraute Muster und stärken diese. Dabei muss diese Bindung nicht immer „transformativ heilend“ überhöht sein. Hormone aber unterscheiden nicht. So stärkt Oxytocin eben kontextabhängig sowohl adaptive als auch maladaptive Muster.
Ins Seil fallen oder stolpern?
Vertrautheit stabilisiert neuronale Netzwerke: was wiederholt wird, gewinnt an Gewicht und prägt Persönlichkeit und unsere Handlungsvorlieben. Wir tun, was wir immer taten. Weiter und weiter und weiter. Menschen mit traumatischen Vorprägungen erkennen den Mechanismus des Spiels mit Macht und Ohnmacht wieder. Das Knotenszenario verschafft kurzfristig Erleichterung - eine Art bekannte Ordnung, vielleicht sogar eine Copingstrategie, ein Überdruckventil - während es die zugrundeliegende Verletzung nicht auflöst, sondern verfestigt. Dann ist die Praxis kein Raum mehr, in welchem eine Überwindung und Neuinterpretation der Erfahrung möglich wäre, sondern wird zur ausweglosen, perpetuierenden Reinszenierung.
Wenn Dein Körper Dinge weiß
Manchmal lagert unsere Psyche Dinge aus - wie in einen externen Speicher - mit denen sie jetzt nicht oder noch nicht klarkommt. Der Körper aber erinnert sich, auch wenn frühe Erfahrungen nicht mehr bewusst abrufbar sein sollten. Er speichert anders, speichert Wahrnehmungen, Farben, Gerüche, Haptik, Geräusch. Und dann genügt ein Eindruck und die ganze Szene ist wieder da. Sensorische Erfahrungen sind in der Lage zu retraumatisieren. Das muss man einerseits – kann man andererseits fürs persönliche Erleben nicht immer – vor einer Entscheidung wissen.
Ethisch bedeutet das: Wir bräuchten mehr als Safewords. Wir brauchen kontinuierliche Reflexion, Kontextualisierung und, wo nötig, therapeutische Begleitung und die Suche nach Möglichkeiten der Selbststeuerung im Trauma. Die Verantwortung liegt nicht allein bei dem, der knotet, erst recht nicht bei dem, der sich hingibt.
Makroebene als Sahnehäubchen
Wenn wir hinter geschlossenen Türen am Spiel mit Macht, Dominanz, Aufgabe und Submission Gefallen finden, hat das auch einen Einfluss über diesen – hoffentlich geschützten – Raum hinaus. Folgen wir der Spur von oben: Prägung neuronaler Netze und Verhaltensweisen. Schließlich sind es Individuen, die Gesellschaft bilden. Erleben Menschen Lust an Dominanz und Unterwerfungslogiken und wird der Mechanismus wiederholt. Lustgewinn wird mit Machtausübung verknüpft. Zugegeben – zunächst in einem Setting des Konsens.
Der tut nix - Der will doch nur spielen!
Aber provokant gefragt: Wer garantiert diese Selbstbeschränkung? Das braucht eine sehr ausgeprägte Fähigkeit zur kritischen Selbstbetrachtung und ethischen Reflexion, der Verlockung der Machtausübung und dem Übertragen in gesellschaftlichen Alltag zu widerstehen.
Natürlich wird nicht jede:r, der gerne Egoshooter spielt zum Amokläufer. Nicht jeder der mal rosa Plüschhandschellen ausprobiert, ist ein potenzieller Frauenmörder – die Einflüsse eines übermäßigen Pornokonsum auf das Frauenbild wiederum sind durchaus Objekt diverser Studien. Kann also die andauernde Wiederholung dieser bewusst sexualisierten Machtspiele von unserem Alltagsverhalten wirklich so gut getrennt bleiben? Ist das nicht reine Selbstberuhigung und Augenwischerei?Denn: oft - wenn auch nicht immer - sind es Frauen, die sich in die submissive Rolle begeben, die in diese Rolle hineingeleitet werden, von Rollenbildern, Erwartungen, von Männern, von Menschen mit dominanten Gelüsten. Sie lassen sich betrachten, objektifizieren, geben sich zur Benutzung hin. Spielt es wirklich eine Rolle, ob es konsensual ist, wenn die Wiederholung trotzdem Verhaltens- und Denkmuster prägt?
Und anders als beim Pornokonsum oder beim Egoshooterspiel wird die Grenze zur Realität überschritten: Ich tu nicht nur so. Ich vollziehe im echten Leben, ich dominiere, ich unterwerfe, ich füge wirklich Schmerz zu, ich nehme einem Menschen die Freiheit. Eine andauernde, unreflektierte Wiederholung dieser Handlungen festigt Verfügbarkeitsfantasien und ist – skaliert und zu Ende gedacht – schlicht antiemanzipatorisch.
Nichts mehr übrig von der befreienden Botschaft zu Beginn. Aus dem „Ich muss nicht mehr“ wird ein „Ich darf nicht mehr!“ Und ich gebe zu: Auch hier habe ich ungelöste Fragen.
Wenn ich aufgebe, diesen Knoten zu lösen…
Und so dreht es sich, das Objekt, das verschnürte, das vom Müssen befreite, von einer Seite zur anderen und zurück. Mir wird selbst ganz schwindlig. Denn ich finde keine Antwort, ich finde keine Position, der ich Recht zusprechen könnte.
Es bleibt mir ein Spannungsfeld. Es bleibt Aufgabe für alle Suchenden – nach Heilung, nach Erlösung, nach einem neuen Reiz.
Seiltanz ist kein Kinderspiel
Das Spiel mit dem Seil, das Spiel mit der Bindung kann beides sein: Gefängnis und Befreiung, Retraumatisierung und heilende Transformation. Es bleibt ein Spiel mit der Gefahr, ein Spiel mit Macht und Ohnmacht und dem Feuer.
Schlüssel bleibt für mich die Frage nach der Bewusstheit:
Wie bewusst können die Beteiligten ihre Entscheidung fällen? Und:
Fällt diese Entscheidung vielleicht bereits passiv in der Situation, in der eine Person durch Erfahrung schon in ihren Mustern verstrickt ist?
Zwischen Halt und Kontrolle, zwischen Hingabe und Wiederholung verläuft – so glaube ich – keine immer gültige, klare Linie – sondern ein Grenzraum, der nur durch Bewusstheit und transparente Kommunikation bespielbar wird. Und die vielleicht wichtigste Frage daran ist für mich: Was suchst du wirklich in diesem Raum?







Das ist gerade sehr viel Denkimpuls. Danke. Ich melde mich nochmal.