Nein - Doch .... Oh?
Vom Zwang zum Widerspruch zwischen Erkennen und Energie
„Hei Hallo, worum geht’s? Ich bin dagegen!“
Mit dieser Liedzeile schrieb „Der Junge mit der Gitarre“ sich vor Jahren schon ganz tief in mein Hirn. Vielmehr vertonte er eine meiner inneren Haltungen, denn:
Wo immer jemand seine Meinung laut und sehr überzeugt von sich gibt, regt sich dieser kleine Mittelfinger in meinem Hirn. Natürlich prompt und unvermittelt, wenn die geäußerte Meinung meiner bisherigen Überzeugung widerspricht. Aber selbst wenn mir Bestätigung entgegenweht wie Zuckerwatte: Keine 5 Minuten und es taucht auf - das leise Nagen im Hinterkopf. Immer wenn ein Sachverhalt zu klar erscheint, wenn auch nur im Subtext suggeriert wird, dies sei nun die wirklich echte und unumstößliche EINE Wahrheit
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In der letzte Bankreihe meines Köpfchens murmelt sich ein rotzlöffeliger Penäler: “Könnte nicht auch eine andere Wahrheit eine Wahrheit sein?” Und schießt seinen Protest als U-Hakerl an die Zimmerdecke.
Dann schickte mir letztens jemand einen Artikel zu. „Ich musste dabei an Dich denken!“ Ah ok ja.. ich sammle ja gerne mal Fremdwahrnehmungen ein, um damit mein Selbstbild zu raspeln. Also natürlich ran ans Lesen! Es folgte eine Reihe interessanter Momenten. Erst machte es in mir „Oh ja genau!“ dann „Äh, WTF?!“ und schließlich laut „Aber nicht doch!“ – und jetzt schreib ich auch noch darüber. Ein Treppenwitz der Selbstreflexion, dass dieser Artikel von einem Persönlichkeitstrait handelte, der angeblich gern in Kombination mit Hochbegabung vorkommt und oft übersehen wird.
Contrarian – Egal – ich bin dagegen
Der Drang zum Widerspruch – das ist damit gemeint. Frei nach dem Motto „Reibung erzeugt Nestwärme“ setzt der Artikel die These: Manche Hirne fühlen sich erst dann lebendig, wenn sie durch Widerspruch herausgefordert werden oder ihrerseits herausfordern – im Zweifel auch mal im inneren Dialog. Widerspruch wird über den perturbierenden Faktor nicht als Störung empfunden sondern vielmehr als Einladung, das eigene Denken zu erweitern, zu wachsen, tiefer zu verstehen. Unwidersprochen zu bleiben ist dann wie ein lebenslanges Urteil zu immerwährendem Smalltalk, chronische Unterforderung. Verdammt für immer an der Oberfläche zu bleiben und an Buffettischen voller Conveniencecontent intellektuell zu verhungern. Hirntod durch Mangelernährung.
Widerspruch – so der Artikel – ist also ein Mittel um sich lebendig zu fühlen, sich zu spüren, als eigenständig wahrzunehmen inmitten des Mainstreampuddings. Aber auch ein Streben nach tieferer Erkenntnis, nach dem Ausleuchten eines Themas aus allen möglichen Perspektiven um es besser zu verstehen, Schattenseiten und Lichtmomente besser einschätzen zu können, ungeahnte Ausdehnungen, Verknüpfungen zu entdecken, sich schlichtweg ein mehrdimensionaleres Bild eines Sachverhaltes zu machen. Kann denn das falsch sein?
Gegen die Masse heißt auch: ihr gegenüber gestellt…
Jedenfalls kann es schnell dazu führen, dass man sich falsch fühlt. Unser soziales Gefüge beruht doch in so vielen Bereichen auf dem Bedürfnis nach Angenommensein, nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe, nach unwidersprochener Zustimmung und sowas wie bedingungsloser Liebe. Wer zu viel denkt und widerspricht fällt da raus. So manche Hoch- und Höchstbegabte oder Menschen mit neurospicy Denken können in der Tat ein Lied davon singen. Einsam in der Menge – un- oder missverstanden allein mit der Sehnsucht nach Resonanz.
Man reiche mir meinen Aluhut!
Also Widerspruch Hurra – forever und um jeden Preis? Ähm Nein. (Muss ja jetzt sein – selfullfilling prophecy und so) Nach dem „Ah“ kam ja auch das „äh“ bei mir. In Form eines intellektuellen Ekelgefühls. Hin und wieder wird das Hochhalten des eigenen „Dagegen!“ nämlich Selbstzweck. Dann wird der Contrarian Trait eine bequeme Rechtfertigung für all jene, die sich plakativ gegen alles stellen, was der angebliche Mainstream so erzählt. Gegen Wissenschaft, gegen Klimalüge, gegen linksgrünversiffte Medien. Das kann es ja dann wohl auch nicht sein. Dann wären all jene die einzig Wissenden, die ihre nichtkonforme Meinung zur Wahrheit erklären und sie dem Mainstream rechthaberisch entgegenbrüllen. Zu einfach, zu banal, zu eindimensional.
Was unterscheidet also den reflektierenden Contrarian vom faktenignorierenden Systemverweigerer?
Nach dem „Dagegen“ braucht es zwingend die reflektierte Auseinandersetzung, die Einordnung der These sowie der eigenen Antithese in den Reigen der Perspektiven – wohl gelesen: Perspektiven, nicht Meinungen. Realitätsabgleich sozusagen, das überprüfen von Fakten, die Einordnung in Kontexte, das Wahrnehmen von Zusammenhängen. Das Abstandnehmen von der ersten Position und von meinem Widerspruch um beides aus kritischer Distanz reflektierend zu betrachten, auszuleuchten, mit dem Schleifpapier der Überprüfbarkeit zu bearbeiten und immer wieder mit der Überzeugung ranzugehen: Ich könnte mich ja auch irren!
Wer jetzt hier schon den Hegel anpirschen sieht sei sich sicher: auch da stimme ich nicht ganz zu.
Wer nicht aufhört zu denken, merkt schnell: weder A noch B erfasst die gesamte Realität. Und auch die klassische Synthese ist zu kurz gesprungen. Was fehlt also? Das dialogische dritte Element. Noch ist alles statisch und unbewegt - noch fehlt der verbindende, initiale Funke, der Geist, der die Energie zum Fließen bringt. Der Bogenstrich, der die beiden Saiten zusammenfasst und ins Schwingen bringt. Das ist das Heilige – das Ringen, der Zwischenraum, das Luftanhalten der gespannten Antizipation, das „doch schon und noch nicht“ zugleich
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Ob man nun religiös ist oder nicht - dieser eine Urmoment aus der Genesis ist für mich ein starkes Bild für das, was zwischen These und Antithese geschehen kann. In ihren allerersten Sätzen erzählt die Bibel von dieser schöpferischen Spannung, in der alle Potenziale sich sammeln und aufaddieren: „Die Erde war wüst und leer und Finsternis lag auf der Tiefe und der Geist Gottes schwebte über den Wassern“ Im Originaltext ist es nicht der männlich konnotierte Geist, sondern der Atem, die ruach, das Lebendige und der freie Esprit. Es ist pures, vibrierendes Potenzial - gleich dem energiegeladenen Rütteln eines Falken, der jeden Moment sich aus der zur Bewegungslosigkeit erstarrten Anspannung befreit und seine Energie in Bewegung, Flug und Freiheit transformiert…
Polarisierung ist erstarrter Stillstand, Energie zeigt sich im Fluss
Was hat es damit auf sich? Ist diese These nur wieder eines meiner abgehobenen Hirngespinste? Folgt mir doch auf eine kurze Schleife, ein klein wenig mäandern in meinem Denken zu verschiedenen Schlaglichtern und meiner These:
Hach wie gerne wäre ich der erste Mensch, dem diese Erkenntnis wie ein Apfel vor die Füße fällt. Aber leider nein. Sehen wir uns mit offenen Augen in der Weltgeschichte um, dann müssen wir eingestehen: Es gibt so viele Konzepte, die sich dieser einen, ganz einfachen Beobachtung annehmen, sie beschreiben, in dieser einen Dynamik Gesetzmäßigkeiten entdecken und mit ihr die unterschiedlichsten Phänomene beleuchten. In absolutem Wissen darum, dass die folgende kurze Aufzählung absolut unvollständig ist:
Theorien zwischen zwei Polen
Die gute alte Tradition – ich steh ja auch auf sowas – des Midrash geht davon aus, dass eine Auslegung des Wortes Gottes nie alleine gültig ist, sondern dass das Göttliche dort passiert, wo sich zwischen zwei Meinungen ein Gespräch entspinnt, wo um das Eigentliche gerungen wird. Das Dritte entsteht in der Dynamik der Auseinandersetzung.
Oder ein Beispiel aus dem Physikunterricht: E - Lehre – Ein Pol alleine bringt‘s halt nicht. Damit Strom fließen kann, damit Energie in die Sache kommt, braucht es zwei und vor allem: die Beziehung zwischen ihnen. Erst die Spannung zwischen beiden ist es, die das Potenzial birgt. Ob es dann eine Glühbirne mit einem sanften Glimmen wird oder eine eruptive Entladung wie bei einem Lichtbogen, hängt von der Spannung ab – dem Unterschied in den Positionen. Energie ist in jedem Fall darin.
Die Kommunikationspsychologie Friedemann Schulz von Thuns kennt diese beiden Pole ebenso. Er nennt sie in seinem oftgenutzten Modell des Wertequadrats „Schwestertugenden“. Sparsamkeit und Großzügigkeit zum Beispiel. Eigentlich Widersprüche - aber wenn Sie zusammen gehalten, integriert werden, entsteht eine neue Qualität, etwas Lebendiges. Der Regenbogen geht auf, sagt der Hamburger Psychologe dann.
Und jetzt tanz mit mir!
Ich sage: Es ist stets in dieser Bewegung, in dem Zwischeneinander und Aufeinander zu, Voneinanderweg. Wie bei einem Moiré Muster schieben sich die einzelnen Bilder und Wahrnehmungen übereinander, ergeben in der Bewegung und der Interaktion neue, einzigartige Muster, die mehr zeigen als jede Position für sich betrachtet. In diesem Tanz scheint die einzige Wahrheit auf, die ich akzeptieren möchte - die einzige „Wirklichkeit“, die ich unwidersprochen lassen kann, weil sie aus Widersprüchen und Dialog geboren ist. In den kurzen Momenten in welchen wir einen Zipfel zu fassen bekommen von dem, was vielleicht wirklich ist hinter dem, was wir Menschen mit unseren kleinen Geistern und großen Meinungen Wahrheit nennen wollen
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Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners (Heinz v. Förster)
Ich habe in konstruktivistischer Weltsicht ein Mittel gefunden, um mit diesem steten Streben nach Widerspruch umzugehen, das sogar vor meinem eigenen Gedankeninnenleben nicht Halt machen möchte.
Die Erkenntnis, dass kein einzelnes Denken und hielte es sich für noch so klug, alles fassen kann, dass andere Perspektiven, Emotionen, unbefangenes Hineinstolpern in Themen immer ebenso berechtigte Facetten einer Wirklichkeit aufscheinen lassen, ist in meinem Leben eine zentrale.
Eine Wahrheit.. sie alle zu finden … und ewig zu binden…
Ob es unveräußerliche Wahrheiten gibt? Sicher. Ob ich alleine sie fassen kann? Sicher nicht. Im Austausch, im dialogischen Tanz gelingt es uns vielleicht, uns dieser einen Wirklichkeit anzunähern.
Vielleicht kann es gelingen, die Wahrheit, die Erkenntnis, der Friede mit den Menschen und der Welt:
Wenn wir es schaffen, die Perspektiven anderer nicht abzutun, nur weil sie nicht unsere eigenen sind.
Wenn wir es schaffen, der Verlockung zu widerstehen, angesichts der Komplexität der Welt und der damit verbundenen ach allzu häufigen Überforderung unseres Denkens, Fühlens und erst recht Handelns, uns in einfache Phrasen und Zuschreibungen zu flüchten.
Wenn wir es schaffen trotz der Erkenntnis unserer absoluten Fehlbarkeit und der beschränkten Reichweite unserer eigenen Erkenntnismöglichkeiten einen Ort in uns zu bewahren, der um Ganzheit, um Wert und Sinn weiß.
Wenn wir es schaffen zu tanzen auf dem Grat der Demut und des selbstbewussten Zweifels…
Dann ja dann.. geht vielleicht eines Tages der Regenbogen auf und wir sitzen friedlich debattierend am wärmenden Diskurslagerfeuer.




Wie schön wieder von dir zu lesen, nach so langer Zeit!
Wieder habe ich gemerkt, wie sehr ich deine Texte genieße. Ich hatte ja nun reichlich Zeit mich hier durch diverse Inhalte zu lesen und dann kommst du wieder und ich bin begeistert.
Neurospicy. Sehr schön, kannte ich noch nicht. Beim um die Ecke kommenden Hegel musste ich herzlich lachen.
Interessanterweise hatte ich neulich eine heißdebattierte Note zu diesem Thema. Ich verlinke sie dir gleich. Du wirst es lieben. Ich verspreche dir einige WTF-Momente ;)
Ich bin von deinem Text hier ganz begeistert und ohnehin ein großer Fan (sag mal, sind die Zeichnungen etwa auch von dir? So typisch pluralbegabte, ey!), aber -wie könnte es anders sein?- stimme nicht in allen Punkten zu (Konstruktivismus). Jedoch bestätige ich ja genau damit die These die du anführst 😅 Es ist wunderbar, wenn man sich einig ist, sich nicht einig zu sein.
Vielen Dank!
Ich könnte mir vorstellen, dass die Sri Aurobindos integraler Yoga gefahren würde, falls du ihn noch nicht kennst :)